Eine Woche in dem Bergdorf Ruhenzi

Nun bin ich schon eine Woche hier und jeden Tag habe ich so viele Erlebnisse und Begegnungen. Es hat sich herumgesprochen, dass ich Pater Simons kenne und seine große „Familie“ in Ruanda besuchen möchte.

Wann immer ich vor das Haus gehe oder in der Umgebung des Klosters umher gehe sprechen mich Menschen an und erzählen, dass sie bei Padre im Heim aufgewachsen sind. Die meisten der ehemaligen Waisen sind nun erwachsen und möchten mir ihre Familie vorstellen.

Heute Mittag will ich zur Schule um Internet zu haben, damit ich diesen Bericht schreiben kann. Da sitzen sieben Frauen (s. Foto) mit zwei Babys vor dem Haus und warten auf mich. Die zwei älteren Frauen sind als Kinder in Pater Simons erstem Kinderheim in Nyanza aufgewachsen und kommen drei Stunden Fußweg um mit mir zu sprechen und mich zu begrüßen.

Ausbildung als Friseuse

Eine der Töchter (Jeyesu, s. Foto links) hat  große Augenprobleme und Pater Simons hatte ihr geholfen eine Behandlung zu bezahlen. Nun wollte Pater Simons auch ihre Ausbildung als Friseuse bezahlen, doch dann starb er bevor er ihr helfen konnte. Sie bittet um Hilfe, die Ausbildung kostet ca 100 Euro. Zum Glück übersetzt Schwester Bernadette, denn keine der Frauen kann englisch. Das Enkelkind der zweiten Frau (s. Foto rechts), die bei Padre aufwuchs ist behindert. Es braucht eigentlich jeden Monat einen Besuch beim Kinesiologen, doch die Krankenkasse bezahlt nur für jeden 2. Monat die 12.50 €.

Mir fällt es schwer nein zu sagen, denn eigentlich übersteigen diese Probleme meine Möglichkeit zu unterstützen. Doch sie sind so hoffnungsvoll, das ich ihnen helfen kann.

Krankenkasse

Immer wieder erzählen mir Waisen, dass sie die Krankenkasse nicht bezahlen können für sich und ihre Familie.  Christine (s. Foto) kann die Krankenkasse für sich und ihre Kinder nicht bezahlen. Ihr Mann ist im Cyotomakara Heim aufgewachsen doch vor drei Jahren tödlich verunglückt.

Es kostet 3,-€ um ein ganzes Jahr krankenversichert zu sein. Dann werden die Kosten für eine Geburt, einen Arztbesuch, einen Krankenhausaufenthalt und Medizin bezahlt. Doch 18 € ist für eine sechsköpfige Familie manchmal nicht zu schaffen. So zahle ich für sie auf der Krankenstation das Geld ein- sie geben ihre Haushalts-Identifikationsnummer an und sind versichert. Ca 300 Menschen kommen ohne Krankenversicherung und können nicht behandelt werden.

Manchmal helfen die Krankenschwestern und zahlen aus eigener Tasche von ihrem Honorar, das 100 € im Monat beträgt. So erzählt Schwester Francine beim gestrigen Abendessen, dass eine junge arme Frau ein Kind im Krankenhaus geboren ohne Geld zahlen zu können. Eine Geburt zu begleiten kostet 8.50 €. Die junge Mutter hatte nicht mal eine Decke, um ihr Baby einzuwickeln. So haben die Krankenschwestern Geld für eine Decke und Babykleidung gezahlt und Lebensmittel mitgebracht. Die Mutter war so glücklich, als sie die Krankenstation mit ihrem Baby verließ!

Nun kann Vestine (s. Foto) morgen wieder die Schule besuchen. Nachdem die Schneiderin ihre Uniform genäht hatte, sie ihre Haare ganz kurz hat schneiden lassen und ich ihr eine Stofftasche, Hefte, Zahnpasta, Seife und Zahnbürste aus der Stadt mitgebracht hatte durfte sie heute noch die Maske für 30 cent und ein Paar neue Schuhe für 1,50 € kaufen. Sie ist überglücklich und morgen werde ich sie zur Schule begleiten, da ihre Mutter krank geworden ist. Dort wird sie noch einen blauen, gestrickten Pullover für 4 € erhalten. Alles in Allem hat es mich 26 € gekostet, damit Vestine wieder zur Schule gehen kann. Da sie keine Waise von Pater Simons ist brauche ich in Zukunft jemanden, der/die diese 26 € im halben Jahr für sie übernimmt.

Strato ist im Heim aufgewachsen und hat dann einige Zeit Jahre für Pater Simons und seine Erzieher im Heim gekocht. Nun ist er arbeitslos. Ignace und ich überlegen, was er tun könnte um einen Job zu bekommen. Er möchte gerne eine Hotelfachschule besuchen, doch die kostet 120 € im Semester. Raymond wird morgen einige Schulen anrufen um einen Ausbildungsplatz für Strato zu finden.

Matratzen

Eine alte Frau kommt mit ihrer Tochter (s. Foto). Sie warten mehrere Stunden vor dem Haus bis ich aus der Stadt zurückkomme, wo ich für einen alten Mann eine Matratze für 14 € gekauft habe. Auch diese Witwe und ihre Tochter schlafen auf dem harten Boden und fragen, ob ich ihnen helfen kann zwei Matratzen zu besorgen. Ich werde Raymond morgen bitten, einige Matratzen aus der Stadt mitzubringen.

Wir treffen uns morgen um mit den Waisen, die mich angesprochen haben um nach Schulgeld für ihre Kinder zu fragen. Ich kann nicht entscheiden, wer es wirklich braucht doch Raymond und Theoneste kennen alle Waisen, da sie die letzten 34 Jahre mit Padre im Heim gelebt und gearbeitet haben. Mit ihnen werde ich nun in den nächsten Tagen zusammen überlegen, wen wir noch unterstützen können.

So geht es von morgens bis abends, manchmal bin ich erschöpft von all den Geschichten. Aber ich kann doch nicht Allen helfen!

Ich muss mich beschränken auf Pater Simons „Familie“, aber das sind so Viele, die er in all den Jahren begleitet hat. Unglaublich, wieviele dankbare Menschen, die ihn seinen Vater nennen, mir alte Fotos zeigen, die ihn so vermissen, das er ihnen so oft geholfen hat. Wie gut dass ich die Schwestern habe um alles zu teilen und zusammen zu essen, auszuruhen und Fragen stellen zu können.

Ich lerne viel über die Mentalität, die sozialen Gesetze, über die Politik, die Geschichte und überhaupt – über das Leben in Ruanda. Abends um 21 Uhr falle ich müde ins Bett und bin dankbar und froh über einen Eimer Wasser zum Duschen, ein Moskitonetz und die Nachtgeräusche vor meinem Fenster.

Muraneyo! Bis zum nächsten Mal!

Alwine

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Alwines Ruandareise - Beiträge Januar 2021

Wöchentliche Berichtserstattung von den Hilfsprojekten in Ruanda